Organisation

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Warum Orientierung in komplexen Systemen wichtiger sein kann als immer neue Vorgaben

Je länger ich Digitalisierungsprojekte begleite, desto häufiger stelle ich mir eine grundsätzliche Frage.
Wie gelingt es eigentlich, ein System zu verändern, das aus vielen eigenständigen Akteuren besteht?
Das Gesundheitswesen ist dafür ein gutes Beispiel.
Krankenhäuser, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, Krankenkassen, Industrie, Berufsverbände, Politik und Patientinnen und Patienten verfolgen jeweils unterschiedliche Aufgaben und Interessen.
Und dennoch sollen sie gemeinsam an einem Ziel arbeiten.
Das ist eine enorme organisatorische Herausforderung.

Steuerung hat Grenzen

Im letzten Beitrag habe ich die Frage gestellt, wie viel sich in komplexen Systemen überhaupt steuern lässt.
Je mehr Daten verfügbar werden, desto größer scheint häufig auch der Wunsch zu werden, Prozesse und Verhalten gezielt zu beeinflussen.
Diese Entwicklung ist nachvollziehbar.
Gleichzeitig bleibt eine Beobachtung:
Menschen orientieren sich nicht ausschließlich an Vorgaben.
Sie orientieren sich an Sinn, Verantwortung und nachvollziehbaren Zielen.
Vielleicht gilt das auch für Organisationen.

Orientierung entsteht nicht durch Detailtiefe

Gerade in komplexen Systemen besteht häufig die Versuchung, Unsicherheit durch immer präzisere Regelungen zu reduzieren.
Das kann sinnvoll sein.
Es löst jedoch nicht die eigentliche Frage:
Woran richten sich die vielen Einzelentscheidungen aus, die täglich getroffen werden?
Denn kein Gesetz, keine Richtlinie und keine digitale Anwendung kann jede Situation beschreiben.
Organisationen funktionieren deshalb nicht nur über Regeln.
Sie funktionieren über ein gemeinsames Verständnis davon, was erreicht werden soll.

Ein gemeinsames Zielbild

Vielleicht beginnt gute Organisation deshalb nicht mit möglichst vielen Vorgaben.
Sondern mit einem Zielbild, das Orientierung gibt.
Nicht als starre Vision.
Sondern als gemeinsamer Bezugspunkt.
Ein Zielbild beantwortet nicht jede Detailfrage.
Es hilft aber dabei, Entscheidungen einzuordnen.
Es erleichtert Abstimmungen.
Und es schafft einen Rahmen, in dem unterschiedliche Akteure eigenverantwortlich handeln können, ohne das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren.

Eine Beobachtung aus Projekten

In vielen Projekten habe ich erlebt, dass intensiv über Anforderungen, Zuständigkeiten und Termine diskutiert wurde.
Deutlich seltener wurde darüber gesprochen, welches gemeinsame Bild vom zukünftigen System eigentlich besteht.
Vielleicht erklärt das, warum sich manche Diskussionen immer wieder um dieselben Fragen drehen.
Nicht weil die Beteiligten nicht zusammenarbeiten wollen.
Sondern weil sie unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wohin die Reise gehen soll.

Eine offene Überlegung

Organisation bedeutet für mich deshalb mehr als Strukturen und Prozesse.
Sie schafft den Rahmen, in dem Zusammenarbeit überhaupt möglich wird.
Vielleicht beginnt gute Organisation nicht damit, jede Entscheidung vorzugeben.
Vielleicht beginnt sie damit, Menschen und Organisationen eine gemeinsame Richtung zu geben.