Komplexität als blinder Fleck der Digitalisierung
In vielen Diskussionen zur Digitalisierung im Gesundheitswesen entsteht ein wiederkehrendes Muster:
Bestehende Strukturen werden selten grundsätzlich hinterfragt.
Stattdessen wird versucht, sie mit neuer Technologie effizienter, schneller oder umfassender abzubilden.
Das ist nachvollziehbar. Es ist oft der scheinbar einfachere Weg.
Mehr ist nicht automatisch besser
Digitalisierung führt in vielen Fällen zunächst zu einer Zunahme von Komplexität:
• mehr Daten
• mehr Systeme
• mehr Schnittstellen
• mehr Abstimmung
Gleichzeitig entsteht die Erwartung, dass genau diese Entwicklung zu mehr Effizienz und besserer Versorgung führt.
Diese Annahme ist nicht zwingend falsch – aber auch nicht automatisch richtig.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ein häufiges Ziel ist es, Dokumentation schneller und vollständiger zu erstellen.
Neue Technologien, insbesondere KI-basierte Anwendungen, bieten hierfür erhebliche Möglichkeiten.
Weniger im Fokus steht jedoch oft eine grundlegende Frage:
Welche Informationen werden im Alltag tatsächlich genutzt?
Und welche Inhalte haben sich über die Jahre eher aus Anforderungen, Dokumentationspflichten oder Absicherungslogiken heraus entwickelt?
Die unbequeme Perspektive
Wenn man diese Frage konsequent stellt, entsteht eine unbequeme Perspektive:
Nicht jede Komplexität ist notwendig.
Und nicht jede bestehende Struktur muss unverändert digitalisiert werden.
Ein Teil der heutigen Komplexität ist historisch gewachsen –
und wird durch Digitalisierung nicht automatisch sinnvoller.
Ein möglicher anderer Ansatz
Ein alternativer Ansatz könnte darin bestehen, nicht primär zu fragen:
Wie können wir bestehende Prozesse digital verbessern?
Sondern:
Was davon brauchen wir wirklich noch?
Welche Informationen sind entscheidungsrelevant?
Welche Prozesse tragen tatsächlich zur Versorgung bei?
Wo entsteht Redundanz?
Mehr als eine technische Frage
Diese Perspektive ist nicht trivial.
Sie berührt:
• fachliche Anforderungen
• rechtliche Rahmenbedingungen
• organisatorische Strukturen
• wirtschaftliche Interessen
Genau deshalb wird sie oft vermieden.
Und was passiert danach?
Ein weiterer Aspekt bleibt dabei oft im Hintergrund:
Die Frage nach der systematischen Evaluation.
Viele Vorhaben werden mit klaren Zielen und Erwartungen gestartet.
Weniger klar ist häufig, wie konsequent im weiteren Verlauf überprüft wird, ob diese Erwartungen im Alltag tatsächlich erfüllt werden.
Das hat unterschiedliche Gründe:
• Daten werden nicht immer so erhoben, dass sie eine belastbare Bewertung ermöglichen
• Strukturen verändern sich im Projektverlauf
• Bewertungen würden unter Umständen bestehende Entscheidungen in Frage stellen
Damit entsteht ein Spannungsfeld:
Zwischen dem Anspruch, Wirkung zu erzielen – und der tatsächlichen Fähigkeit, diese Wirkung transparent zu überprüfen.
Ausblick
Gleichzeitig könnte gerade in der bewussten Reduktion von Komplexität ein zentraler Hebel liegen:
Für bessere Umsetzbarkeit, für geringere Kosten und für mehr tatsächliche Wirkung.