DMEA 2026 – Gedanken
Nach vielen Jahren auf der DMEA habe ich auch in diesem Jahr wieder eine starke Aufbruchsstimmung wahrgenommen.
Viel Energie.
Viele Ideen.
Große Erwartungen.
Der aktuelle Referentenentwurf zur Digitalisierung im Gesundheitswesen verstärkt diese Dynamik zusätzlich.
Digitalisierung wird zunehmend strukturell gedacht und politisch klar adressiert. Das ist grundsätzlich zu begrüßen.
Gleichzeitig ist mir ein Gedanke geblieben, der mich schon länger begleitet:
Solche Phasen gab es im Gesundheitswesen immer wieder. Und häufig lag die Herausforderung weniger in der Frage, was getan werden soll – sondern unter welchen Bedingungen diese Vorhaben tatsächlich wirken können.

Zwischen Anspruch und Realität
Auf der DMEA wird viel über Lösungen gesprochen.
Über Datenräume, Interoperabilität, künstliche Intelligenz und neue Anwendungen.
Weniger sichtbar ist oft die Frage, wie gut diese Ansätze in bestehende Strukturen passen.
Digitalisierung ist selten nur ein technisches Thema. Sie verändert Abläufe, Verantwortlichkeiten und Erwartungen – oft stärker, als es in der Planung sichtbar wird.
Damit verschiebt sich der Fokus:
Weg von der Frage, welche Lösungen möglich sind, hin zu der Frage, was unter den gegebenen Bedingungen tatsächlich tragfähig ist.
Ein Blick auf den Referentenentwurf
Der aktuelle Referentenentwurf setzt klare Impulse:
• stärkere Vernetzung
• mehr Standardisierung
• mehr Verbindlichkeit in der Nutzung digitaler Anwendungen
Viele dieser Punkte sind notwendig und längst überfällig.
Gleichzeitig entsteht ein Spannungsfeld: Je stärker Anforderungen, Prozesse und Systeme formalisiert werden, desto größer wird die Herausforderung, diese in der realen Versorgung umzusetzen.
Die eigentliche Komplexität liegt dabei weniger in der Technik, sondern im Zusammenspiel von Organisation, Verantwortlichkeiten und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. In diesem Zusammenhang werden auch übergeordnete Zielbilder deutlich, etwa die stärkere Verschiebung hin zu digitalen Versorgungsformen („Digital vor Ambulant vor Stationär“).
Welche Auswirkungen ein solches Leitbild auf bestehende Strukturen, Rollen und Erwartungen hat, wird sich in der praktischen Umsetzung zeigen.
Komplexität als blinder Fleck
Ein Aspekt ist für mich dabei auf der DMEA nur am Rand sichtbar geworden:
Die Frage nach der Komplexität.
Digitalisierung führt in vielen Fällen zunächst zu mehr:
• mehr Daten
• mehr Systeme
• mehr Schnittstellen
• mehr Abstimmungsbedarf
Selten wird gleichzeitig gefragt, was davon tatsächlich notwendig ist – und was reduziert oder vereinfacht werden könnte.
Dabei könnte genau darin ein zentraler Hebel liegen:
Nicht mehr abzubilden, sondern gezielt zu reduzieren.
Offene Fragen
Mit dieser Perspektive entstehen für mich eine Reihe von Fragen:
• Welche Daten und Prozesse sind wirklich notwendig?
• Wo entsteht Redundanz – und warum wird sie oft beibehalten?
• Welche Komplexität ist systembedingt – und welche wird unbewusst erzeugt?
• Was würde passieren, wenn man Strukturen konsequent vereinfacht?
Diese Fragen sind nicht trivial. Sie berühren auch rechtliche, organisatorische und wirtschaftliche Aspekte.
Ausblick
Ich nehme aus der DMEA viele Anregungen mit.
In den kommenden Wochen werde ich einige der Themen, die mir dabei aufgefallen sind, in einzelnen Beiträgen aufgreifen.
Nicht mit dem Anspruch, Antworten zu geben – sondern um Perspektiven zu schärfen und zur Diskussion einzuladen.